Sonntag, 2. August 2015

Der Provinzapostel

Vom Apostel Thaddäus wird wenig berichtet in der Bibel. Nach der Legenda Aurea wurde Thaddäus von Thomas zum kranken König von Edessa geschickt (heute Sanliurfa). Der König hatte um Jesu Kommen gebeten, er genas aber auch vor dem mitgebrachten Jesus-Bild. Nach anderer Überlieferung waren Thaddäus und Simon Zelotes nach Syrien, Mesopotamien und Persien gekommen. Nach armenischer Tradition waren Thaddäus und Bartholomäus zusammen nach Armenien gekommen. Auch die Assyrische Kirche führt sich auf Thaddäus zurück, und die georgische Kirche erinnert sich an seine Wundertaten am Schwarzen Meer.

Thaddäus ging also, anders als Paulus, Petrus oder Markus, nicht nach Rom, ins Zentrum der Macht, sondern an die Peripherie. Keiner der Evangelisten scheint ihm nahe gestanden zu sein, die griechischen und römischen theologischen Schulen beachteten ihn wenig. Thaddäus ging ins Abseits der Provinz und war erfolgreich, auch wenn er als Märtyrer starb, so wie die anderen Apostel. Auch die Völker, die sich auf ihn berufen, waren zur Provinz verdammt. Dass heute seine Grabeskirche im Iran liegt, unweit der türkischen Grenze, zeigt die Bewährungskraft dieses Provinzglaubens. Sind nicht die wichtigen armenischen Kirchen außerhalb der Stadt errichtet, in der Bergeinsamkeit oder auf der Insel im See? Du musst aufbrechen zu einem solchen Glauben, der geschieht nicht im Sitzen

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Samstag, 1. August 2015

Apostel Bartholomaeus

Jolfa ist eine Grenzstadt. Die Berge hinter dem Aras-Fluss sind schon in Aserbaidschan. Der englische Iran-Fuehrer behauptet, der Aras sei ident mit dem biblischen Gihon, und wenn er die enge Gebirgsschlucht verlaesst und bei Jolfa in die Ebene eintritt, dann waere das der Ausgang aus dem Paradies, wo Adam und Eva gelandet waeren. Jedenfalls bewachen nicht Kerubim, sondern grimmige Soldaten in Wachtuermen die Grenze.
Der Apostel Bartholomaeus sei bis nach Armenien gekommen. An seinem Grabmahl waere eine Kirche errichtet worden. Die heutige Stephanuskirche aus dem 14. Jahrhundert steht an dieser Stelle. Von dem Kloster steht noch das Gebaeude, ich sehe den Hoersaal fuer die Theologen, die Kueche, das Reflektorium und die Moenchszellen. Einmal im Jahr, am Tag des Apostels, kaemen Bischoefe und Priester hierher, um in der Bergesstille ihren Sendungsauftrag zu erneuern

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Die Nomaden

In Vazaqan treffe ich auf einen Nomadenstamm. Dort leben einige Stammesmitglieder mit ihren Tieren. Ich bekomme ein Interview in dem grossen kuehlen Zelt. Wir haben gewartet, bis Ghodrat Abendpour mit dem Melken der Schafe fertig ist. Wir sehen zu: die Tiere stellen sich geduldig in einer langen Reihe an wie Schulkinder. Zwei Frauen packen je ein Tier und schieben es ueber die Melkschuessel. Ein Mann haelt die Tiere im Schwitzkasten. Ein paar Male haben sie ihn umgeworfen. Nach dem Melken kommen die Tiere wie taumelnd, mit dem Kopf dicht am Boden.

Es stellt sich heraus, dass nur fuenf Leute da sind vom Stamm. Die anderen arebeiten auf den Feldern oder leben bereits sesshaft in einem der Doerfer. Hier ist die Sommerweide, die ihnen zusteht. Im Winter sind sie weit entfernt, hunderte Kilometer. Dann gibt es Stroh fuer die Tiere.
Der ganze Stamm hat gegen 500 Mitglieder. Viele davon leben bereits in Haeusern, viele der Jungen sind studieren gegangen in die Staedte. Zu bestimmten Anlaessen trifft man sich. Auch die, die ins Ausland gegangen sind. Der Stamm haelt weiterhin zusammen.
Ghodrat laesst durchblicken, dass das vielleicht einer der letzten Sommer ist, den sie so in Zelten verbringen. Sie werden hier Haeuser aufstellen. Dann wird es einfacher. Aber seine Verbundenheit zur Natur wird bleiben, sagt er.

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Das Kopftuchmaedchen

Rana ist 27 und wohnt bei den Eltern. Adel nennt sie religioes. Wahid nennt sie huebsch. Rana ist Master of Science, hat Biologie studiert, forscht in Mikrobiologie. Sie hat einen Fuehrerschein, aber fuer Fahrten ausserhalb Tabris braucht sie die Genehmigung des Vaters. Den Ausflug nach Kandovan machen wir mit ihren Eltern. Sie sind gastfreundlich, laden mich ein, haben ein Picknick vorbereitet. Rana sitzt mit der Mutter auf der Rueckbank, sie ist meine Dolmetscherin, in Kandovar, Tabris und spaeter in Vazaqan. Fuer diesen Nachmittag hat sie die Koranstunden abgesagt, die sie haette geben sollen. Sie hat mir gezeigt, was sie vorhatte.

Wenn sie mich vorgehen laesst, halte ich das fuer eine Demutsform verschleierter Muslima. Sie aber nennt es Hoeflichkeit gegenueber dem Gast. Im Restaurant, wohin wir nach meinem Vorschlag gehen, zahle ich. Das Taxi hat sie gezahlt. Den Eintritt ins Museum jeder selbst.
Als die Studenten uns im Park ansprechen und fragen, ob wir fuer ein paar Minuten in ihr Sprachinstitut mitkommen wollen, um mit ihnen Englisch zu konversieren, kommt sie belustigt mit. Als der Lehrer, der auch einmal ihr Lehrer war, sie aber nicht in die Maennerklasse hineinlaesst und sie draussen warten muss, ist sie veraergert. Im Koran stehe, Maenner sollen Frauen in der Oeffentlichkeit nicht beruehren, sagt sie. Zu deren Schutz. Es habe im Iran frueher Uebergriffe gegeben gegen Frauen, sagt sie. Aber nun mache sich jeder selbst seine Regeln zur Diskriminierung der anderen. Aber ein paar Minuten spaeter lacht sie wieder.
Im Bus erinnert sie mich an die Geschlechtertrennung. Sie markiert den Fahrschein fuer mich, steigt hinten ein, ich vorne. Aber drinnen winkt sie mich dann zur glaesernen Trennwand, damit sie mir zeigen koenne, wann wir aussteigen.
Rana kommt zum Schluss, dass ihr das Fremdenfuehren gefaellt. Sie koennte damit neben dem Studium ein bisschen Geld verdienen.

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Rana is 27 and lives with their parents. Adel calls her religious, Wahid said she´s nice. Rana is master of science, studied biology and surches in mikrobiology. She has a driving-license, bur outside Tabris she needs permission from her father. We do the trip to Kandovan with her parents. Her brother is at military. They are hospitally, invite me, have a picknick prepared. Rana and her mother sit in the back. She´s my translator in Kandovan, Tabris and Vazagan next day. For this afternoon trip she canceld her Koran-lesson she had to give. She showed me what she has planned.
When she let me go first, I thought it was humble restraint of a muslima, but she called it politeness to the guest. In the restaurant, where we went on my proposal, I paid. Taxi paid she. Entrance for museum each.
When students asked us in that park to come with them into their language institute nearby for some conversation, she joins us with amusement. But when that teacher, who later turned out has been her own teacher in high school, refused her entrance because it was a class for men, she was not amused bur angry. Qoran says, men should not tough women in public space. There were sexual assaults in Iran before, she says. But now everyone make his own rules to discriminate others. But some minutes later she laughes again.
In the bus she reminds me on gender separation. She devalues my ticket and enters in the back, I enter in front. But inside the bus she calls me back to that glass barrier to show me when we arrive our station.
In the end Rana decides to become a tourist guide. She likes that, and could make a little money beside.

Donnerstag, 30. Juli 2015

Ardabil

Sheikh Safi al-Din gründete ein halbes Jahrhundert nach Franz von Assisi das erste Sufi-Kloster in Azerbaidjan, und das einzige im Schia-Islam. Er wurde auch hier gegraben, und ein Grabturm über seinem Grab errichtet. Sein Urenkel Ismail wurde Schah von Persien und begründete die safawidische Dynastie.
Angesichts dieser großen Bedeutung von Ort und Person war ich erstaunt, keine kolossalen Anlagen zu sehen, und das Kloster selbst war überhaupt gänzlich verfallen. Meine Gesprächspartner konnten mir nicht beantworten, ob und wo heute noch ein Sufikloster im Iran existiert.

Umso lustiger waren die nächtlichen Ausflüge mit Adel und Wahil. Zuerst ging es in ein Traditionsrestaurant, wo wir exzellente türkische Speisen im Türkensitz genossen, mit Salat im selben Plastikschüsserl wie im Flugzeug. Aber am nächsten Tag gings nach Saraéyn, dem persischen Kur- und Badezentrum. Bei uns stellt man sich bei Heilbädern etwas Beschauliches vor für betuchte und gesetzte Leute. Hier aber sah ich einen Jahrmarkt mit Musik und Gejohle, das ganze Land war auf den Beinen, auch im Wasser - denn Schwimmen war schwierig bei der dichten Besetzung! Das Wasser ist noch trüber als der Kamp, aber sehr heilkräftig. Für einen Kopfsprung vom Rand und das Blindtauchen durchs halbe Becken werde ich mit einem halben Jahr Gesundheit belohnt, für die Dehnungsübungen in der Kräutersauna kommen noch ein paar Monate dazu. Das Merkwürdigste aber war nicht die große Zahl der Besucher, sondern dass es ausschließlich Männer in Badehosen waren. Da ich nicht beim Militär war, war das nun die größte Männergesellschaft, die ich je erlebt habe!

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Dienstag, 28. Juli 2015

Zeitlöcher

Wenn du dich in der Metro in einen Eingang gedrängt hast, nachdem dort etwa 50 Personen herausgequollen sind bei der Station, und noch mehr hinein, und einen winzigen Stehplatz erkämpft hast, wo du dich anhalten kannst, die Tür im Blick hast und somit abschätzen kannst, in welcher Station gerade gehalten wird, deine Tasche geschultert, die Wanderschuhe in der Hand, den Schlafsack zwischen die Beine gezwängt, und dich an die plötzliche Kälte der Klimaanlage gewöhnt hast, dann gehen mit einem lauten Pfeifen die Türen zu, du hältst dich gut fest, und es könnte losgehen.

Aber es geht nicht los.

Alles wartet.

Die Blicke zu Boden.

Zur Seite.

Aus dem Fenster.

Manche Blicke kreuzen sich.

Es ist kein Grund einer Verzögerung erkennbar.

Alle Reisenden längst verstaut.

Und als man dann rumpelnd durch die Tunnel dröhnt, da weiß niemand mehr, wie lange dieses Zeitloch gedauert hat und ob es überhaupt existiert, da denkt man schon wieder an den Ausstieg, registriert im Vorbeigehen die Waggons und Wartezonen für Frauen, sowie jene Frauen, die mit ihren Männern in den normalen Waggons fuhren, spürt die Eile und Geschäftigkeit, mit der alles wieder einem Ausgang oder Eingang zustrebt, und findet also den Zeitfluss völlig unversehrt.

Der Flughafenbus steht mit knatterndem Motor an der Abfahrtsstelle, es dauert, bis er sich füllt. Man sucht Plätze zum Sitzen oder Stehen, registriert einander, ohne Kontakt aufzunehmen, und wartet, ungekühlt, in der Nachmittagshitze Teherans. Irgendwann geht es los, langsam ruckelnd am Flughafengebäude entlang, durch Kurven, über Abzweigungen, an wartenden, dann an ausgemusterten Maschinen entlang, wie mit der Grottenbahn durchs Zwergerl- und Riesentheater, diese Propellerflieger und Jumbos mit aufgesetzter Steuerkabine, und schließlich steuert man auf ein bestimmtes Flugzeug zu, eine Fokker, deren Dröhnen das des Busses übersteigt beim Näherkommen. Der Bus hält vor der Tragfläche. Der Blick der Reisenden geht auf die Turbine, die Treppe, die offenen Klappen, den Tankschlauch.

Aber nichts passiert.

Draußen nicht und drinnen nicht.

Da beginnt dein T-Shirt zu riechen.

Du spürst die Jeans, die du seit Tagen trägst, an den Beinen kleben.

Schweiß tropft aus der Achselhöhle.

Du spürst den Atem des Nachbarn.

Einige wedeln sich mit dem Boarding-Pass Luft zu.

Andere zücken das Smartphone.

So stehen wir und sehen dem Zeitfluss zu, der uns überholt.

Später, mit dem Flugzeug, werden wir ihn wieder einholen

In größeren Höhen

Ich erreiche das obere Camp am Damavand, mit gefühlt einem Liter Körperflüssigkeit in Form von Paradeissoße, mit groben Stößen durch den Körper gepumpt, und der Wahrnehmungskraft einer Blindschleiche, die noch das Gelände registriert, steiler Hang, helles Licht, bunte Zelte, gemauertes Haus, und dann, durch die Öffnung, plötzlich finster. Ich tappe in den dunklen Raum, stolpere über die hohe Schwelle, sacke auf einen schnell hingestellten Plastikstuhl und ahne für die nächsten Stunden mehr, als dass ich verstände, was um mich geschieht. Da steht ein Becher Tee. Ein Koffer mit verpackten Schächtelchen. Nach und nach Menschen, die sich zu kennen scheinen. Tische werden aufgestellt, weitere Stühle, Plastiktischtücher aufgespannt, gedeckt, in Gruppen zusammengestanden. Irgendwann rät mir jemand, mich hinzulegen, und ich schleppe mich ins Lager hinauf und werfe mich auf eine Pritsche.
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Als ich wieder hinunterkam, war ich wieder ich selbst.
Ich aß etwas und unterhielt mich, erzählte von meinem Aufstieg in dreieinhalb Stunden, nach vier bis fünf Stunden Schlaf in der Moschee im Basislager, und zwei, drei Keks zum Frühstück, nach der Anreise um Mitternacht, nun in eine Höhe, die noch einiges über dem höchsten Berg meiner Heimat liegt. Aber so, wie man zu Hause eine Waldwanderung macht, nur dass hier schon längst keine Bäume mehr sind, nur bunter Lavastein, Moos, borstige Polster und rote Flechten. Mir fliegen die Gesprächspartner zu. Schon beim Anstieg: knapp vor dem Camp waren mir Iraner entgegen gekommen, alpin gerüstet, und hatten mir Nüsse und ein Getränkepäckchen und ein bisschen Sonnencreme geschenkt. In der düsteren Gaststube die zwei jungen Brüder aus Wien, Schottengymnasium. Sportliche Iraner, die mich über die verschiedenen Wandergruppen aufklären, die hier für den Himmalaya trainieren. Die beiden polnischen Studenten mit ihrem iranischen Freund, der sie auf den Gipfel geführt hat. Ich treffe sie beim Abstieg am späten Nachmittag, als ich noch bis zur Nebelwand hinaufsteige, gezeichnet von der Anstrengung, mit aufgeregten Worten vom Gewitter, als ihnen die Haare zu Berge gestanden waren. Später, erholt in der Gaststube, gab es Gespräche über die Zarathustra-Anhänger im Iran und ihre indischen Glaubensbrüder, sowie die Yesiden, die ganz ähnlich glaubten, ohne aber von dieser Verbindung zu wissen, und sozusagen gar keine Theologie besaßen außer dem mündlich weitergegebenen Wissen, das aber von Stamm zu Stamm variierte. Jeder schien jeden zu kennen in dieser Stube, man half beim Putzen, richtete hintereinander Essen für die verschiedenen Gruppen, lief hin und her, organisierte, half. Ich wusste den ganzen Tag nicht, wer der Hüttenwirt war oder zu seiner Mannschaft gehörte.
Von Akbar hatte ich im Basiscamp um 6 Uhr früh Tee und Keks bekommen, die Permission für den Berg aber schuldig bleiben müssen gegen das Versprechen, sie nach dem Abstieg in der Bank einzuzahlen. Stattdessen hatte er mir einen größeren Rucksack gesucht, in den ich alles packen konnte, und angesichts der Morgenkälte seinen eigenen gefütterten Anorak gegeben und stattdessen selbst etwas Dünnes angezogen. Am nächsten Tag, als ich alles seiner schlanken Frau zurückgab, die nickte und sich bedankte, während er noch mit den Maultieren unterwegs war, bekam ich noch einen Kräutertee und sah diesmal, wie er selbst ein paar Schritte weglief, etwas von der Wiese pflückte und in den Topf warf, was dann herrlich würzig schmeckte und alles Schwere aus dem Blut trieb. Ich war hier in eine Gemeinschaft geraten, die etwas Studentisches hatte, eine spontane Offenheit, die auch einen Fremden teilhaben ließ, fröhlich und naturverbunden, und wie zur Bestätigung erhielt ich noch einen peinlich entschuldigenden Blick, als Akbar wohl von seiner jungen Frau, die ein Kind stillte, sehr energisch war und mit ihrer schrillen Stimme sich Gehör zu verschaffen wusste, dort drinnen in ihrem Wohncontainer gekniffen worden war und sich strampelnd freimachte, bevor es wieder hinunterging mit dem Geländewagen über die Rumpelpiste bis zur Straße und dem nächsten Ort – wo wieder eine andere Geschichte begann

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Die ersten Fragen des Persers

an den Iranreisenden, ob im Gedränge der Metro in Teheran oder bei der Begegnung am Gehsteig der Amir Kabir-Strasse oder in der Waldgasse in Favoriten, ist immer: Wie gefällt dir der Iran? Und die Menschen? Dann wartet man befriedigt das Schwärmen des Reisenden ab, erkundigt sich erstaunt über einzelne Erfahrungen, und entgegnet schließlich: Aber das Leben im Iran ist schlecht. Die Regierung ist schuld. Streift das Geld ein, die Wirtschaft ist am Boden, selbst mit einer guten Anstellung kann man kaum leben.
Die Umweltverschmutzung?
Das Verkehrschaos in Teheran?
Die Menschen müssen kämpfen ums Überleben, sie haben keinen Blick auf größere Zusammenhänge.
Aber sie sind gastfreundlich, interessiert an Ausländern und Fremden. Ich werde jeden Tag angesprochen, schon wenn ich in der Metrostation ratlos stehe zwischen verschiedenen Fahrtrichtungen, wird mir spontan Hilfe angeboten – das geht sogar so weit, dass ein Student mit mir einige Bankomat-Geräte ausprobiert und schließlich, oben auf der Straße, einige Geschäfte abklappert, um mit meiner Karte ein bisschen Bargeld abzuheben für ein Ticket, und mir schließlich selbst eines kauft. In der Ankunftshalle von Ardabil spricht mich im Vorbeigehen ein Student an, stellt sich als Adel vor und gibt mir seine Telefonnummer. Am selben Abend schon sitzen wir zusammen am Diwan eines Traditionsrestaurants und essen und lachen bis Mitternacht, über die geplante Hochzeit seines Freundes und die Hochzeitsreise nach Wien, und ob er nicht vielleicht statt der Braut den Freund mitnehmen soll, als Dolmetscher

Millionär in Persien

Es ist eine vergleichsweise geringe Investition, ein Flugticket nach Teheran zu buchen, noch dazu nur in eine Richtung. Man sollte aber bedenken, dass die internationalen Bankkarten in Persien nicht funktionieren, möge also lieber Bargeld mitnehmen oder eine andere Vorkehrung treffen.
Für 30 Euro bekommt man dann aber gleich 1 Million Rials, sogar etwas mehr, je nach Tageskurs. Wenn man das Zehnfache investiert, kann man bereits 1 Million Tuma sein eigen nennen. Man soll sich nicht davon abschrecken lassen, dass hinten, auf der iranischen Seite des Geldscheines, bloß 100 draufsteht. Dafür ist dann jener Schein, den man für fünf solche 100.000er bekommt, bloß bescheiden mit 50 beschriftet. Wer sich die ersten Wochen noch ein wenig schwer tut mit diesen Summen, wird jederzeit bereitwillig und ehrlich beraten, und niemals hat sich jemand mehr aus dem Geldbündel herausgezogen, als ihm wirklich zusteht - nicht einmal ein Taxifahrer. Das gibt es wirklich nur hier. ---
Wer ein Millionär ist, gibt auch gerne Geld aus.
So kann man gleich bei der ersten Gelegenheit dazu in der Ferdosistrasse ein paar Tausender loswerden für zwei kleine Batterien, oder im Schreibwarengeschäft 7.000 für einen Kugelschreiber, oder schließlich 10.000 für zwei. Das Hotelzimmer kostet mit Frühstück und nächtlicher Klimaanlage eine halbe Million am Tag, der Inlandsflug nach Ardabil 1,3 Millionen. Man lebt wie der Schah von Persien!

Freitag, 24. Juli 2015

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Nächsten Tage in den Bergen!

Von Freud zu Freund

Mit Ali hat es begonnen, Mashas Onkel, und seinem Freund Arash. Also eigentlich mit Masha. Schon um 4 Uhr Früh am Flughafen. Dann am Nachmittag eine sehr freundschaftliche Lösung für das Problem, dass internationale Bankkarten blockiert sind in Iran.
Am Abend dann Gast in Shorehs und Amins Familie. Ihren Vater als Shah begrüßt, ihren Bruder als Prinz Rezah. Dessen Söhnchen hab ich erst später kennen gelernt, den Prinzen der Prinzen. Wir sind im trockenen Swimming Pool einige Runden geschwommen. Es war ein fröhlicher Abend voll Lachen, aber auch ein wenig traurig, weil Shoreh und Amin nicht da waren. Und die iranischen Speisen! Als könnte man essen, wie die Zeit vergeht.

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Mittwoch, 22. Juli 2015

erste schritte

Für alle Mitleser:
Die ersten Schritte auf persischem Boden sind getan.
Teheran ist gleich heiß wie vor 6 Jahren.
Das Firouzeh-Hotel gleich schwer zu finden.
Es hat denselben Charme behalten.
Wir sind über den Khomeini-Squere eingeritten, Mellat hab ich gleich erkannt.
Und ich bin behütet von Mashas Onkel, dessen Freund ein Internet-Experte ist. Und am Abend treffe ich Schorehs Eltern!
Also gebahnte Wege vorerst!

Sonntag, 13. September 2009

Vom persischen Übermut

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Hatten wir ein Philosophenvolk erwartet, das Hafis und Saadi versweise im Mund spazieren führt?
Und damit aufgezwungne Schleier unterträumen -
Nun, die Klagen, die wir hörten, waren handfest:
Arbeitsplätze, mehr Verdienst, und westliche Konsumgüter
Von Büchern sprach mir niemand, doch Filme sah ich: traurige, verzweifelte,
als wärens stets dieselben: Liebe und Enttäuschung, Hass und Schwerenot.
Also doch noch Literatur, im Bus.

Welches Land hat eine sehr gute Politik?,
fragt mein Lehrer Majid, um klarzustellen,
dass er sich nicht beklagen will.
Politik hat nicht Vater oder Mutter -
doch zum Leben braucht er seine Familie.
Auswandern wollen viele Junge, nach Deutschland oder Kanada.
Aber heimatlos möcht er nicht sein.

"ta'arof " war das Wort, das er mich gelehrt hat:
Wenn ein Perser ablehnt, was du ihm anbietest,
ob Hilfe oder Geld: vielleicht aus Scham,
aus Höflichkeit. Doch gib nicht zu schnell auf
und zieh das Angebot nicht gleich zurück,
sonst ist er grad beleidigt.
Komplizierte Formen.
Wie die Schnörkel an den Wänden.

Wer stellt sich Menschen unter Diktaturen
traurig vor?
Geschäftig, war mein Eindruck,
eilig hinter kleinen Zielen her.
Oft mit einem Karren, meistens mit dem Auto -
das allein ist schon ein eigenes Kapitel! -
und noch öfter mit dem Motorrad.
Davor bist du nirgends sicher,
am wenigsten am Gehsteig.

So mussten wir vom ersten Tag an
ausweichen
und aufpassen.

Und wenn du aufmerksamer schaust:
mit der Geschäftigkeit
ist es gar nicht soweit her.

Nein, fröhlich waren sie!
Ja fröhlich, übermütig
und oft auch einfach: müde/


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Rumi

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Meines Herzens Zustand zu beschreiben, war mir ein Bedürfnis.
Das blutende Herz, die Tränen wurden zum Hindernis.

Verschlossen die Lippen, zerbrochen das gesagte Wort, jüngst.
Der Gedankenpokal zerschmetterte, wie Glasscherben wurde ich.

Stürmisch ist das Meer, die Wellen zertrümmern große Schiffe.
Hilflos, ohne Hände, ohne Füße in einer Jolle sitze ich.

Die Wellen, übermächtig, zerschlugen mein Schiff. Gutes wie Schlechtes verschwanden.
Voller Ohnmacht umarmte ich leichtgewichtig den zerborstenen Rumpf.

Weder oben noch unten bin ich. Wo bin ich? Wo bin ich?
Die Wellen tragen mich, bisweilen zu den höchsten Höhen, bisweilen zu den tiefsten Tiefen.
Wenn ich weiß: "Ich in nicht, bin ich", doch so viel weiß ich: "Wenn ich bin, bin ich nicht."
Glaube mir: "Wenn ich nicht bin, bin ich."


Maulana Dschalaladin Rumi

Ohne Worte werde ich mit dir reden.
Unhörbar für alle Ohren werde ich sprechen.
Nur deine Ohren hören die Worte, die ich sage,
Die ich laut in die Menge rufe.



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Bin ich mit dir, Liebe raubt mir den Schlaf.
Bin ich ohne dich, Trauer raubt mir den Schlaf.
Oh Gott, beide Nächte bin ich wach!
Schau, welch ein Unterschied zwischen wach und wach.



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Omar der Zeltmacher

Wenn längst wir nicht mehr sind, wird sich dies Weltrad drehn,
Wenn unsre Spuren längst im Sand der Zeit verwehn.
Einst waren wir noch nicht - und´s hat nichts ausgemacht;
Wenn einst wir nicht mehr sind - wird´s auch noch weitergehn.

***


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Als ich noch in der goldnen Jugend stand
Schien mir des Daseins Rätsel fest bekannt.
Doch jetzt, am Schluss des Lebens, seh´ich wohl,
Dass ich von allem nicht ein Wort verstand.


***


Was hat es Dir genützt, dass ich gekommen?
Was hilft´s dir, wenn Du einst mich fortgenommen?
Ach, keines Menschen Ohr hat je vernommen,
Wozu von hier wir gehn, wozu hierher wir gekommen.


***


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Der Welt Geheimnis wirst du nicht ergründen,
Das Wort, das keiner fand, wirst du nicht finden.
Schaff dir mit Wein ein Erdenparadies!
Ob´s dort ein Paradies gibt, wird sich finden.


***


Was heut´hierher mich trieb? Ich sag´es unverhohlen:
Ich hatt´in der Moschee ´nen Betteppich gestohlen,
Der ist jetzt alt und schlecht, drum kam - ein seltner Gast -
Ich heute wieder her, ´nen neuen mir zu holen.


***


In Kirchen und Moscheen und Synagogen
Wird man um seiner Seele Ruh´betrogen.
Doch dem, der der Natur Geheimnis ahnt,
Wird keine Angst vorm Jenseits vorgelogen.


***


Da doch nur eintrifft, was Er zugelassen,
Wie magst du da noch große Pläne fassen?
Lad dir nicht mehr auf, als du tragen kannst;
Zuletzt heißt´s doch nur: gehn und gehen lassen. -


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***


Geht es dir gut, so ist´s nur Gottes Huld;
Und geht´s dir schlecht, bist du daran nicht schuld.
Ohne dein Mittun wird die Welt regiert,
Drum gibt´s nur eine Weisheit, die Geduld!



***


Ihr sagt, es schmachtet einst im Höllenbrand,
Wer hier an Lieb´und Wein Gefallen fand. -
Das kann doch nicht so sein, sonst wäre ja
Das Paradies so leer wie meine Hand.


***


Ich trinke nicht aus bloßer Lust am Zechen,
Noch um des Korans Lehre zu durchbrechen,
Nur um des Nichtseins kurze Illusion! -
Das ist der Grund, aus dem die Weisen zechen.


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Samstag, 12. September 2009

Shiraz

Das sind die Kostbarkeiten dieser Erde:

Ein Saitenspiel, ein Becher Weins, ein Tanz
Schlankbeiniger Mädchen, einer Liebsten Gunst
Und dann ein Schweigen - ja, ein tiefes Schweigen.

Hafis


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