Donnerstag, 6. August 2015

Philosophische Überlegungen zum Straßenverkehr

Man soll das laute Geschiebe auf Teherans Straßen ja nicht für chaotisch halten. Natürlich stimmt es, dass Fahrspuren, Rechtsvorrang, Blinklicht, Schutzwege oder Geschwindigkeitsbegrenzungen hier keine Bedeutung haben. Aber nach wochenlangen genauen Beobachtungen als Taxipassagier in verschiedenen Städten sowie den eigenen Erfahrungen beim Überqueren breiter Boulevards kann ich zumindest eine weise Vernunftregel nennen, die überall beachtet wird:

TATSACHEN WERDEN UNBEDINGT RESPEKTIERT.

Wo ein Verkehrsteilnehmer ist, kann nicht zugleich ein anderer sein.
Dabei spielt die Frage der Rechtmäßigkeit keine Rolle. Ein Wagen kann quer zur Fahrtrichtung stehen oder sogar gegen die Einbahn fahren. Stets werden alle unaufgeregt und eilig ausweichen – dabei ist wieder der vordere, gleich in welcher Schlangenlinie sein Ausweichmanöver stattfindet, die Maßgabe des nachkommenden, der wieder den späteren prüft. Rückspiegel sind unwichtig, im Zweifelsfall wird gehupt. Dabei gibt es keine gegenseitigen Zurechtweisungen oder Rachejustiz wie bei uns. Wer vorn ist, gewinnt.

Diese Regel bezieht sich klarerweise nicht nur auf ruhende Objekte, sondern schließt deren Geschwindigkeit mit ein. So kann also ein Auto oder Motorrad die ganze dicht befahrene Fahrbahn queren, oder einen breiten Kreisverkehr von ganz innen nach außen – solange der Teilnehmer vor der erwarteten eigenen Ankunft in Lücken vorstößt, wird er selbstverständlich respektiert. Sogar als Fußgänger kann man entspannt zwischen mehreren Kolonnen von vorbeirasenden Fahrzeugen mitten auf der Straße stehen, und bei Gelegenheit den Weg gelassen fortsetzen, und wird freundlich vom Regen Treiben aufgenommen werden und an der anderen Straßenseite wieder ausgespuckt. Genaugenommen gilt dann dasselbe auch am Gehsteig, wo einander nicht nur Fußgänger, sondern auch Handkarren, Motorräder, Lastträger, Obststeigen, Handwerker, Schulklassen, Straßenkehrer, Abflusskanäle und noch mehr unerwartete Dinge begegnen. Dabei sollte man sich von freundlichem Entgegenkommen nicht täuschen lassen: Ein Auto kann vor einem die Straße querenden Fußgänger bis zum Schritttempo heruntergebremst werden, es kann Blickkontakt geben mit dem Fahrer – dennoch wird er niemals anhalten, und sei der Platz zum Gehen noch so knapp. Da gibt es auch keine Ausnahme für attraktive Frauen, Kinder, Radfahrer, Karrenschieber, Greise, Kranke oder Gehbehinderte. Alle haben sich nach den vorherrschenden Tatsachen zu richten und den tatsächlichen Geschwindigkeiten, nicht nach Wünschbarkeiten. Mit diesem nüchternen Realitätsbezug kommt der Orient mit vielen haarsträubenden Widersprüchen zurecht!

Ich sehe diese iranische Weisheit mit der nondualistischen Philosophie Josef Mitterers verwandt, die darin besteht, eine vorhandene Tatsache und ihre Interpretation wiederum als Tatsache zu sehen, ohne eine außerhalb liegende Wahrheit zu behaupten. Der Nachfolgende möge Tatsache und Interpretation als vorhanden akzeptieren und seine Meinung, Kritik und Interpretation dazufügen. Ebenso wird es wieder der nächste machen. Auf diese Weise kann ein Argumentestau entstehen wie auf persischen Straßen - aber man erspart sich den Streit, wer recht hat

Kermanshah und die andere Seite

Aus einer der wenigen Schlafphasen reisst mich ein Rütteln an der Schulter, und an mir vorbei drängt sich bereits die Schlange der Buspassagiere zum Ausstieg.
Nächstes Bild: ein Kreis um den Schaffner an der Gepäckklappe, er rüttelt an den verkeilten Taschen, mein Rucksack darinnen, jeder dem andern im Weg.
Ich muss aufs Klo, die Hallen des Terminals noch geschlossen, der Park hell erleuchtet.
Jederzeit kann die Meute der Taxifahrer auf mich losstürzen, dann muss ich wissen, welches Hotel.
Ich finde schließlich Brille und Reiseführer, auch die Seite für Kermanshar, aber wie soll ich das lesen mit flimmernden Augen im Morgengrauen?
Die englisch sprechende Dame im Taxlerkiosk ist gut gelaunt und muntert mich auf – mir war, als hätte ich sie deutsch sprechen gehört, aber der Taxler schiebt mich schon ins Fahrzeug.
An der blitzschnell ausgewählten Adresse finde ich eine leere Rezeption und einen davor einsam auf einem Hocker am Gehsteig sitzenden Mann, der bloß den Kopf schüttelt, kein Zimmer für mich.
Nebenan und gegenüber sind die weiteren Adressen für günstige Hotels. Schließlich fahren wir alle im Buch angegebenen Adressen an, der Taxler findet sie ohne mich. Kein Zimmer.
Wollen die mich nicht.
Ich kann ja auch gleich weiterfahren nach Hamadan, sage ich zum achselzuckenden Rezeptionisten.
Gibt es ein Festival in der Stadt oder eine Agrarmesse?
Der weißhaarige Taxler verliert langsam die Ruhe.
Die Straßen liegen still im Morgenlicht.
Ich überlege Alternativen.
Den Rucksack wo abstellen, die wenigen interessanten Dinge tagsüber ansehen, abends weiterfahren.
Klingt anstrengend, aber billig.
Gerade freunde ich mich mit dem Gedanken an, als wir noch ein letztes Mal halten. In der Nähe des Terminals am Stadtrand. Vor dem Persien International Hotel, wie es von vorn heißt. Wie eine Art Hilton oder Holiday Inn.
Tatsächlich ist hier etwas frei, ich bin überrumpelt und finde keinen Charme, um den Preis herunterzuhandeln. Etwa 80 Euro, soviel wie die letzte Woche zusammen. Dafür alles pipapo. Nach den bisherigen Fladenbrot/ Butter/ Honig/ Ei-Frühstücken schlemmere ich jetzt vom Buffet, sogar Kaffee und Müsli.
Inmitten von gut gekleideten, leise sprechenden Ehepaaren oder Anzugmännern.
Erst am Nachmittag marschiere ich zu den Felsenhöhlen – die Sehenswürdigkeiten in der Stadt seien heute geschlossen.
Dann noch einige Stunden im Restaurantgarten mit den Büchern und einer ganzen Thermoskanne Tee. Und beim Heimgehen so leichthin, dass ein Lächeln und leicht angedeutetes Handheben genügt, um die Begegnenden (manch einer wackelt mit der flachen Hand und hebt fragend kopfschüttelnd die Augenbrauen) freundlich zurücklächeln zu lassen. Und dann pflanzen sich noch zwei Schülerinnen vor mir auf und befragen mich, und nun bin ich kein Chinese mehr. Sie haben das Examen zum Medizinstudium nicht geschafft und wollen es im nächsten Jahr noch einmal versuchen. Ob ich auch genug von der Schia wüsste, denn dann würde ich mich bestimmt dazu bekennen. Denn die Schia sei wirlich gut. Und ob sie noch ein Foto machen dürften. Und beim Selfie bekommen wir noch drei Heiligenscheine am Handydisplay

kermanshah-005

kermanshah-019

kermanshah-028

kermanshah-036
logo

ferner

Aktuelle Beiträge

RANA aus TABRIS, IRAN
The book “my bird” is about a woman who talks about...
weichensteller - 4. Sep, 23:43
Fariba Vafi: Kellervogel
Vielleicht der lang ersehnte Liebesroman, der nicht...
weichensteller - 2. Sep, 22:41
ساعتی با فرهنگ
Kulturstunde سارا سریع به سمت من اومد و گفت : راهنما...
Aminniak - 30. Aug, 01:26
Hallo Schlagloch!
Schön, dass du dich noch eingeklinkt hast! Dein Namenspatron...
weichensteller - 16. Aug, 08:32
Hallo Weichensteller!...
aber in der Pension verliert man teilweise das Zeitgefühl,...
SCHLAGLOCH - 14. Aug, 15:13

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Links

Suche

 

Status

Online seit 4542 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 4. Sep, 23:43

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur f�r neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB

Free counter and web stats Free counter and web stats

neuer anfang
von anfang an
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren