Sonntag, 13. September 2009

Vom persischen Übermut

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http://www.youtube.com/watch?v=EqFczn7YSuY

Hatten wir ein Philosophenvolk erwartet, das Hafis und Saadi versweise im Mund spazieren führt?
Und damit aufgezwungne Schleier unterträumen -
Nun, die Klagen, die wir hörten, waren handfest:
Arbeitsplätze, mehr Verdienst, und westliche Konsumgüter
Von Büchern sprach mir niemand, doch Filme sah ich: traurige, verzweifelte,
als wärens stets dieselben: Liebe und Enttäuschung, Hass und Schwerenot.
Also doch noch Literatur, im Bus.

Welches Land hat eine sehr gute Politik?,
fragt mein Lehrer Majid, um klarzustellen,
dass er sich nicht beklagen will.
Politik hat nicht Vater oder Mutter -
doch zum Leben braucht er seine Familie.
Auswandern wollen viele Junge, nach Deutschland oder Kanada.
Aber heimatlos möcht er nicht sein.

"ta'arof " war das Wort, das er mich gelehrt hat:
Wenn ein Perser ablehnt, was du ihm anbietest,
ob Hilfe oder Geld: vielleicht aus Scham,
aus Höflichkeit. Doch gib nicht zu schnell auf
und zieh das Angebot nicht gleich zurück,
sonst ist er grad beleidigt.
Komplizierte Formen.
Wie die Schnörkel an den Wänden.

Wer stellt sich Menschen unter Diktaturen
traurig vor?
Geschäftig, war mein Eindruck,
eilig hinter kleinen Zielen her.
Oft mit einem Karren, meistens mit dem Auto -
das allein ist schon ein eigenes Kapitel! -
und noch öfter mit dem Motorrad.
Davor bist du nirgends sicher,
am wenigsten am Gehsteig.

So mussten wir vom ersten Tag an
ausweichen
und aufpassen.

Und wenn du aufmerksamer schaust:
mit der Geschäftigkeit
ist es gar nicht soweit her.

Nein, fröhlich waren sie!
Ja fröhlich, übermütig
und oft auch einfach: müde/


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Rumi

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Meines Herzens Zustand zu beschreiben, war mir ein Bedürfnis.
Das blutende Herz, die Tränen wurden zum Hindernis.

Verschlossen die Lippen, zerbrochen das gesagte Wort, jüngst.
Der Gedankenpokal zerschmetterte, wie Glasscherben wurde ich.

Stürmisch ist das Meer, die Wellen zertrümmern große Schiffe.
Hilflos, ohne Hände, ohne Füße in einer Jolle sitze ich.

Die Wellen, übermächtig, zerschlugen mein Schiff. Gutes wie Schlechtes verschwanden.
Voller Ohnmacht umarmte ich leichtgewichtig den zerborstenen Rumpf.

Weder oben noch unten bin ich. Wo bin ich? Wo bin ich?
Die Wellen tragen mich, bisweilen zu den höchsten Höhen, bisweilen zu den tiefsten Tiefen.
Wenn ich weiß: "Ich in nicht, bin ich", doch so viel weiß ich: "Wenn ich bin, bin ich nicht."
Glaube mir: "Wenn ich nicht bin, bin ich."


Maulana Dschalaladin Rumi

Ohne Worte werde ich mit dir reden.
Unhörbar für alle Ohren werde ich sprechen.
Nur deine Ohren hören die Worte, die ich sage,
Die ich laut in die Menge rufe.



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Bin ich mit dir, Liebe raubt mir den Schlaf.
Bin ich ohne dich, Trauer raubt mir den Schlaf.
Oh Gott, beide Nächte bin ich wach!
Schau, welch ein Unterschied zwischen wach und wach.



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Omar der Zeltmacher

Wenn längst wir nicht mehr sind, wird sich dies Weltrad drehn,
Wenn unsre Spuren längst im Sand der Zeit verwehn.
Einst waren wir noch nicht - und´s hat nichts ausgemacht;
Wenn einst wir nicht mehr sind - wird´s auch noch weitergehn.

***


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Als ich noch in der goldnen Jugend stand
Schien mir des Daseins Rätsel fest bekannt.
Doch jetzt, am Schluss des Lebens, seh´ich wohl,
Dass ich von allem nicht ein Wort verstand.


***


Was hat es Dir genützt, dass ich gekommen?
Was hilft´s dir, wenn Du einst mich fortgenommen?
Ach, keines Menschen Ohr hat je vernommen,
Wozu von hier wir gehn, wozu hierher wir gekommen.


***


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Der Welt Geheimnis wirst du nicht ergründen,
Das Wort, das keiner fand, wirst du nicht finden.
Schaff dir mit Wein ein Erdenparadies!
Ob´s dort ein Paradies gibt, wird sich finden.


***


Was heut´hierher mich trieb? Ich sag´es unverhohlen:
Ich hatt´in der Moschee ´nen Betteppich gestohlen,
Der ist jetzt alt und schlecht, drum kam - ein seltner Gast -
Ich heute wieder her, ´nen neuen mir zu holen.


***


In Kirchen und Moscheen und Synagogen
Wird man um seiner Seele Ruh´betrogen.
Doch dem, der der Natur Geheimnis ahnt,
Wird keine Angst vorm Jenseits vorgelogen.


***


Da doch nur eintrifft, was Er zugelassen,
Wie magst du da noch große Pläne fassen?
Lad dir nicht mehr auf, als du tragen kannst;
Zuletzt heißt´s doch nur: gehn und gehen lassen. -


meeting

***


Geht es dir gut, so ist´s nur Gottes Huld;
Und geht´s dir schlecht, bist du daran nicht schuld.
Ohne dein Mittun wird die Welt regiert,
Drum gibt´s nur eine Weisheit, die Geduld!



***


Ihr sagt, es schmachtet einst im Höllenbrand,
Wer hier an Lieb´und Wein Gefallen fand. -
Das kann doch nicht so sein, sonst wäre ja
Das Paradies so leer wie meine Hand.


***


Ich trinke nicht aus bloßer Lust am Zechen,
Noch um des Korans Lehre zu durchbrechen,
Nur um des Nichtseins kurze Illusion! -
Das ist der Grund, aus dem die Weisen zechen.


2Wanderer-vor-Zikkurat

Samstag, 12. September 2009

Shiraz

Das sind die Kostbarkeiten dieser Erde:

Ein Saitenspiel, ein Becher Weins, ein Tanz
Schlankbeiniger Mädchen, einer Liebsten Gunst
Und dann ein Schweigen - ja, ein tiefes Schweigen.

Hafis


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Freitag, 11. September 2009

In den Gärten von Isfahan

Du sagtest: "Komm, dort ist Frühling. Es lacht der Garten.
Leuchtende Kerzen, Wein und die Schönen, die auf dich warten."
Bist du dann dort, bedarf ich ihrer nicht.
Bist du dann dort, werde ich nur deine Nähe achten.

Maulana Dschalaladdin Rumi



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Mittwoch, 2. September 2009

Mashhad

Nachdem die Mannschaft die Pruefungen erfolgreich bestanden hatte, war fuer die verbliebenen Tage noch ein Wunsch frei, und die Wahl fiel auf die sagenhafte heilige Stadt im Osten des Iran. Die Schiiten, die Mohammeds Schwiegersohn Ali verehren, der von seinen muslimischen Widersachern ermordet wurde, und die deshalb einen Sinn fuer Maertyrer und Leiden hatten, gedenken hier des achten Imam Reza, der von Kalif Ma'mun im Jahr 809 vergiftet worden war. Er wurde in Sinabad begraben, ueber dem Grab ein Mausoleum errichtet, spaeter ein grosses Heiligtum und eine ganze Stadt - heute ist Mashhad die zweitgroesste Stadt Irans.
Zur Zeit des Abendgebets herrschte eine Spannung vor, und die Waerter gaben acht, dass wir unsere Habseligkeiten, und vor allem die Fotoapparate abgaben und eine Fuehrung bekamen. Ein freundlicher Herr leitete dann die kleine Touristenschar durch den riesigen Pilgerstrom in ein Nebengebaeude, wo uns ein Touristenfilm von der Stadt gezeigt wurde - anschliessend waren wir frei und besichtigten die den Unglaeubigen zugaenglichen Hoefe und Iwane. Die vielen Waerter waren mit den zu Exaltationen neigenden Pilgern ausreichend beschaeftigt. Frauen scheinen hier in der Mehrheit zu sein, ueberall ihre schwarzen Gewaender und ernsten Blicke. Die meisten Betenden kuemmeten sich wenig um gemeinsame Vorgaenge oder um die Worte des Predigers, sondern verrichteten in jedem Hof, auf Teppichen, in Gaengen ihre Gebete, mit dem Kopf die Tonscheibe aus der Erde von Mekka beruehrend, ganz fuer sich, Frauen wie Maenner.
Und in aehnlicher Ergriffenheit von der Schoenheit der Gesaenge und der Rankenmuster auf den Arkadengaengen, der kollosalen Proportionen der Hoefe und der mit Gold ausgelegten Gebetsnischen, der mit Glasspiegeln gleich Mosaiken ausgekleideten Grabbauten und der Goldkuppeln, wurde ich von Menschenstroemen erfasst und bald in diesen Hof und bald durch jenes Tor getrieben, immerhin noch soweit bei Sinnen, da und dort aus einem schattigen Winkel ein Foto zu machen, da auf wundersame Weise zwar der Fotoapparat mit der ganzen Tasche abgegeben wurde, eine Kanera aber in der Hosentasche verblieben war. Und so kam es, dass wir am Hoehepunkt der Reise gaenzlich verschwanden, zunaechst einmal fuereinander, denn im Gewuehl hatten wir uns wieder einmal aus den Augen verloren, aber dann auch aus der Welt des Unglaubens, denn wie mit neuen Augen staunte ich ueber die praechtigen Hoefe und Kuppeln, deren Anblick allein den wahren Glaeubigen vorbehalten ist, die das Paradies und sein Abbild schauen duerfen/


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Koenigsstadt Susa

Hinaustretend in die Koenigsstadtm waehnte ich mich zuerst in einer schlafenden Wildweststadt (die uns ja immer zuwenig heiss und staubig vorgefuehrt wird) mit heruntergezogenen Rollbalken und doesenden Cowboys.
Und hier war es, in der Residenz von Darius und Kyros, der Koenige der Koenige, eingeritten koenigsgleich wie auf Pferden, wo sich mir unausloeschlich der Gestank der Kanaele einpraegte, die, hierorts faulig bewaessert, die Gehsteige enthang verliefen und in das Fluesschen muendeten, das erste wasserfuehrende, das ich sah. (Spaeter wuerde ich den Gestank ohne hinzusehen auch in Mashhat sofort wieder erkennen).
Am Gelaende des alten Susa hingegen war wenig zu sehen. Die Franzosen hatten gruendlich aufgeraeumt. Fuer ihre Ausgraeber hatten sie eine wuchtige Ziegelburg aufgerichtet, die fortan auf den Touristenplakaten erscheint, von den Funden aber das meiste ins Pariser Louvre abtransportiert und nur wenige Truemmer zurueckgelassen (da waren sie gruendlicher als die Mongolen). Diese waren im Museum hinter Scheiben aufgebahrt oder ueber die Flaeche des ehemaligen Darius-Palastes verteilt, nichts davon hoeher als einen Meter. Am wohlsten war mir beim Streifzug durch die gegenueber liegenden Sandduenen: da liess sich an Daniels Loewengrube denken - jenes unerschrockenen und angesehenen Propheten, der am Hof Nepukadnezars grosses Ansehen genoss und im Land des Artaxerxes lebte - und auch ein Grab zurueckliess, knapp unterhalb des Koenigspalastes.

In Haft Tepe sind Reste elamitischer Tempel zu sehen - aber in Choqa Zanbil steht der Turm zu Babel! - oder jedenfalls das, was zurueckblieb, nachdem Gott die Sprachen der Menschen verwirrte. Unser Respekt vor dem Zikkurat wurde durch die Hitze, die Stille und Abgeschiedenheit, durch den Scheich, der uns an sicherlich verbotene Orte auf dem Bauwerk hinter der Absperrung, aber auch durch den wartenden Taxifahrer vergroessert: besondere Entdeckungen von der Groesse und Kleinheit des Menschen.

Etwas spaeter wurden wir mit vollem Gepaeck an einer Halde an der Autobahn zwischen Shush und Ahvaz gesehen, anscheinend trotzig auf einen Bus wartend, von dem alle versicherten, er halte hier nicht. Nach der eigenmaechtig festgesetzten Wartestunde sollen wir aufgegeben und in ebendas seit einer Stunde dort wartende Taxi gestiegen sein und den festgesetzten Preis nach Ahvaz gezahlt haben, ohne zu handeln - dafuer aber bis zum Reisebuero gebracht worden sein, wo die naechste (und letzte) Etappe zu planen war. Aber die koenigliche Bestimmung ereilte uns vollends erst am Abend dieses Tages, als ein Freund unbekannter Freunde sich telefonisch meldete und sich und sein Haus als Quartier anbot - und kurz darauf leibhaftig unter uns erschien. Und wirklich thronten wir bald koenigsgleich an einer Festtafel, die uns Shomalis Mutter und Schwestern umsichtig und liebevoll bereitet hatten. Die ganze grosse Familie war angetreten und breitete ihre Fotoalben vor uns aus, zusammen mit den koestlichsten Leckereien, die Shomalis Mutter gebacken hatte/

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Dienstag, 1. September 2009

Teheran Hauptbahnhof

Schon hierherzukommen, Hauptbahnhof Teheran, ist erklaerungsbeduerftig, wir wollten ja nach Shush, auch wenn uns niemand geglaubt hat, dass es da etwas Interessantes gibt. Auch war es nicht moeglich, vor der Abreise zu erfahren, ob es ueberhaupt einen Anschlusszug geben wuerde, und ob Plaetze zu bekommen waeren.
So trappelten wir um 7 Uhr morgens zwischen geschaeftigen Leuten ueber eine Fussgaengerbruecke in die Bahnhofshalle und suchten einen Fahrkartenschalter: doch ganz so einfach ist es nicht. Unter dem Titel "Waiting List" gelangten wir mit unseren Rucksaecken in den oberen Stock und fanden eine quer durch den Saal reichende Warteschlange vor einem geschlossenen Schalter. Ab hier waren die Aufschriften nur mehr in Farsi. Nach einigem Herumfragen schickte man uns an der Warteschlange vorbei zu einigen Beamten, die uns wirklich zum Schalter fuehrten. Um Punkt 8.23 kam dienstbeflissen die Beamtin und begann ohne besondere Eile, dafuer gewissenhaft die Fenster zu oeffnen, den Computer zu starten und die Kolleginnen im anderen Raum zu begruessen. Inzwischen war es zu Tumulten gekommen in der Warteschlange wegen unserer Bevorzugung, und ein Polizist trat zu uns, um fuer Ordnung zu sorgen. Ich erklaerte unser Anliegen, einen Zug nach Shush zu bekommen, sie tippte etwas in die Maschine, fragte nach meinem Namen und haendigte mir einen in Farsi beschriebenen Kassazettel aus. Danach wurden wir in den Nebenraum geschickt, wo wir warten sollten, bis unsere Namen aufgerufen wuerden. Die drei wechselweise besetzten Schalter waren vom Warteraum abgetrennt und durch zwei Drehkreuze zugaenglich, jeweils eines zum Kommen und Gehen. Das war aber nicht erkennbar und musste von jedem einzelnen Bahnkunden herausgefunden werden, und die meisten versuchten, sich gegen die Drehrichtung durchzuzwaengen. Fast alle Fragenden wurden wieder zurueckgeschickt und nahmen nach einigen Rueckfragen dann neben uns Platz - so lange, bis die ganze Warteschlange heruebergekommen war.
Dann wurde ich durchs Drehkreuz gewunken. Ich brachte erneut mein Anliegen vor, zugleich mit zwei oder drei anderen Bahnkunden, und durfte zwischen zwei Zuegen waehlen. Valentin hatte inzwischen die Paesse herangebracht, unsere Namen wurden auf Farsi eingetippt, und wenige Minuten spaeter hielt ich alle drei Fahrkarten in der Hand, etwas zerknittert und schraeg aus dem Lochstreifendrucker herausgerissen, und triumphierend zogen wir mit den Karten eine Runde um den Wartesaal, bevor wir durch die Glastuere zurueck kamen und Tobias erloesten, der die ganze Zeit unser Gepaeck bewacht hatte. Ein ganzer langer Vormittag im Bahnhofsrestaurant stand uns bevor/

Im Zug nach Shush

Im Zug nach Shush hat jeder Waggon einen eigenen Schaffner - vielleicht sogar mehrere. Der Schaffner oder Ordner unseres Wagens schlief schon seit Beginn der Reise im Stockbett in unserem Abteil. Es ist aber keineswegs so, dass der Zug durchfahren wuerde, im Gegenteil stiegen haeufig Passagiere ein und aus. Dafuer war eine Art Admiral zustaendig, der mit ernstem Gesicht und einem grossen Block alle Fahrgaeste in jedem Abteil notierte. Die Unterschaffner der anderen Waggons sah ich meist im letzten Abteil hinter der Abteilscheibe schlafen. Die drei Angestellten im Speisewagen sassen miteinander an einem Tisch, manchmal schlief einer mit dem Kopf in der Armbeuge am Tisch. Das Kuechenpersonal sah ich mitunter in weissen Schuerzen durch die Gaenge gehen. Das Essen war gut und schnell fertig, Huehnerspiess mit Reis und Yoghurt.
Der Zugpolizist war ein hoeflicher junger Mann, der unter Entschuldigungen in unser Abteil trat, sich an der Tuer niederliess und gewissenhaft unsere Paesse durchsah. Bei Valentin fiel ihm eine Differenz zwischen Einreichdatum und Gueltigkeitszeitraum beim Visum auf, was eine laengere ernsthafte zweisprachige Unterhaltung mit sich brachte.
Bei der Einfahrt in einen Bahnhof liest man zuerst die Aufschriften der Toilette fuer Frauen und Maenner, dann vom Gebetsraum fuer Frauen und Maenner, und zuletzt, wenn man im mittleren Wagen oder weiter vorn sitzt, den Bahnhofsnamen. Diese Beobachtung kam mir spaeter beim Aussteigen zu Hilfe.
Die Strecke war im Wesentlichen eingleisig und verlief schnurgerade durch Wuesten und Savannen, manchmal zwischen Huegeln. Eine Bahnhofseinfahrt konnte man allein schon durch das Ueberfahren der Einfahrtsweichen erspueren. Hier begegneten zuweilen Gueterzuege aus Kesselwagen. Ansonsten bestand das sichtbare Ladegut hauptsaechlich aus Schienenschwellen und kurzen Gleisprofilen, aber ich sah auch Radsaetze und ganze Drehgestelle. (Die Bahn transportiert sich selbst)

Als Ankunftszeit war uns fuenf Uhr frueh angegeben worden - im Zug selber sagten die meisten, um drei Uhr. Unsere beiden Abteilkollegen fuhren bis Andimesk, der Station davor, und versuchten uns zu ueberreden, es ihnen gleich zu tun. Wir stellten den Wecker mit ihnen und warteten dann die richtige Station ab. Am salutierenden Bahnhofspolizisten vorbei trugen wir unsere Rucksaecke zum Empfangsgebaeude und suchten vergebens die Strasse dahinter, gelangten schliesslich durch den Schatten der gelben Bahnhofsbeleuchtung auf einen Feldweg und diesen entlang bald zur auch jetzt befahrenen Landstrasse. Ein paar Haeuser unter Laternen entpuppten sich, als wir dort waren, als Industriegebaeude, und wir steuerten die Stadt in der Gegenrichtung an. Uber eine Bruecke im Finstern schritten wir auf Shush zu, von dessen Namen allerdings nirgends etwas zu lesen war. Schliesslich erreichte uns einer der auf ihren Motorraedern umherstreifenden Jugendlichen, er bestaetigte unsere Gehrichtung und nahm Valentin mit, wenig spaeter kamen andere, und ich bekam einen Sitzplatz in der dritten Reihe, mit umgeschnalltem Rucksack. Nachdem sie zehnmal nachgefragt hatten, brachten sie uns zum anderen der beiden im Ort existierenden Hotels, einem in der Nacht huebschen Haeuschen am Fluss, und schliesslich doch zum von uns erwaehlten. Lange suchte ich das Tor, und dann fand ich einen schlafenden Mann davor. Er konnte uns aber nicht anders helfen, als dass wir eine Weile klopfen und trommeln mussten, denn auf die Glocke, obwohl von unten zu hoeren, reagierte niemald. Schliesslich erschien ein freundlicher junger Mann, von dem ich am naechsten Tag erfuhr, dass er ein technisches Fach studierte, sah, dass er Bertrand Russel las und hoerte, dass er Sartre mochte. Er fuehrte uns durch ein neues Haus ueber lange Fluren in ein backofenheisses langgestrecktes Zimmer, in dem vier grosse Betten standen. Die angeworfene Klimaanlage hatte die Kraft von Flugzeugmotoren, und ich tauschte mein Bett im Luftstrom mit einem Teppichplatz im Zimmerwinkel, wo ich ungestoert bis in den Nachmittag schlief/

Freitag, 28. August 2009

Isfahan: hermeneutische Theorie

Wenn wir Christen eine Buchreligion haben, und dies fuer Juden und Moslems in noch groesserem Masse zutrifft: Waere es dann nicht angezeigt, das Lesen als Form religioeser Existenz noch viel ernster zu nehmen?
Unseren muslimischen Geschwistern meinen wir, einer groesseren Freiheit bei der Textauslegung zusprechen zu muessen, und verstehen darunter hauptsaechlich, konkrete Handlungsanweisungen als zeitbezogen zu demaskieren und wegzufiltern; die feministische Bibelauslegung arbeitet etwa auf diese Weise (Vater/Mutter/Es im Himmel, geheiligt werde dein Name....).
Um hingegen die Anforderungen an eine existenzielle Hermeneutik zu skizzieren, soll zunaechst einmal vom geschriebenen Wort abgesehen werden. Wir unterscheiden, was jemand sagt, und was er meint. Wir messen der betreffenden Person grosse Bedeutung zu, und unsere Beziehung hilft uns das Gesagte und Gemeinte zu deuten. Aber es gibt auch Redestrategien, die durchschaut werden koennen, auch ohne die Person zu kennen.
Mit solchen oder anderen Vorueberlegungen soll jetzt der Iran lesbar werden/

Isfahan im Ramasan

Im Ramasan bekommt man tagsueber nichts zu essen - ausser in einigen Touristenrestaurants. Im armenischen Imbissgeschaeft traten sich deshalb 15 Personen im 2x3m grossen Raum gegenseitig auf die Fuesse, und alle assen ihre Sandwiches stehend, hinter Milchglasscheiben. Der iranische Textilhaendler Reza hat mich hingefuehrt, er erklaert, die Armenier haben zwar keinen Ramadan, aber sie essen in dieser Zeit nicht oeffentlich/

Wenn du durch einen dieser Paradiesgaerten gehst, verfolgen dich interessierte, neugierige Blicke, und wer sich traut, spricht dich an/

Als ich einmal etwas zoegerlich die Strasse querte, sprach mich eine Frau ernsthaft an, ob sie mir helfen koenne/

Ein paar Schritte neben meinem Hotel habe ich auch einen Sandwich-Imbiss entdeckt. Du erkennst ihn an den flatternden Decken vor der Auslage und der Glastuer, und am Geruch von heissem Fett/

Auf den verfliesten Wegen im Hasht Behesht Palast-Garten, neben plaetscherndem Wasserbecken und lachenden Kindern, deren Vaeter auf den eisernen Kindergeraeten schaukeln und turnen, knattert jede Minute ein Motorrad vorueber - gerade eines mit einer vierkoepfigen Familie/

Die Iraner sind so hoeflich, dass dich wildfremde Menschen mit Verbeugung gruessen und sich mit der Hand aufs Herz schlagen. Wenn du dich an der Theke anstellst und bis zur ersten Reihe vordringst, reicht stets jemand ueber deine Schulter hinweg seine Kassaquittung oder ruft seine Bestellung mit Donnerstimme aus der dritten Reihe/

Gestern Nachmittag passierte ich mit einem Erdbeershake in der Hand die Uferpromenade an der Allah Vedi Khan-Bruecke, wo heute ein grosses Transparent angebracht war, das Frauen an das Tragen von Kopftuechern erinnerte, waehrend ueber Lautsprecher gerade Fastenparolen proklamiert wurden. Als ich nach einiger Zeit von einem Burschen am Hemd gezupft wurde, der mich an den Ramadan erinnern wollte, ging ich ein paar Schritte weiter und schluerfte meinen Shake dort fertig/

Zum ersten Mal faellt mir heute ein Motorradfahrer mit Sturzhelm auf. Vor ihm und hinter ihm sitzen je ein kleiner Junge - ohne Helm/

Tobi hat sich eine Wasserpfeife gekauft, und ich habe vor dem Geschaeft gewartet. Er kam plaudernd mit dem Geschaeftsfuehrer heraus, der sich nach unserem Heimweg erkundigte. Er bot sich an, ein Taxi zu einem guenstigen Preis zu rufen, und trat an den Strassenrand. Er begann mit einem Streifenpolizisten ein Gespraech, und einige andere Passanten traten hinzu. Inzwischen passierten einige Taxis, und um die Busse zu benutzten, konnte uns niemand eine Kartenverkaufsstelle zeigen. Als ich mich umdrehte und heimging, war es niemandem aufgefallen/

Gerade an unserem ersten Tag in Isfahan fand ein Treffen der Couchsurfing-Mitglieder dieser Stadt statt. Wir gingen als auslaendische Mitglieder hin und trafen auf einen Schlag viele interessante junge Menschen. Neben mir sass ein sehr gepflegter, wohlsituierter Herr, der sich als Beamter der staatlichen Versicherungsgesellschaft vorstellte. Er erkundigte sich sehr interessiert nach meinem Beruf, fragte nach dem Religionsunterricht und nach meinen Erkenntnissen auf meiner Iranreise. Ich begann, von der Verwandschaft unserer beiden Religionen zu sprechen, aber auch von den Unterschieden in der Textauslegung, und fuegte noch einiges ueber das Entschluesseln der menschlichen Existenz hinzu und ueber die Auslegungsarten von Kinofilmen. Nachdem wir einige Male unterbrochen worden waren, mein Nachbar mich aber weiterhin aufmerksam ansah, wollte ich seine Meinung hoeren, worauf er entgegnete, er habe nichts verstanden/

Als wir Die Pol-e Khndju-Bruecke ueber den trockenen Fluss mit unseren geliehenen Fahrraedern ueberquert hatten und zwischen den Pfeilern hindurchschlenderten, sah ich im Schatten einen jungen Mann ernst auf eine Reihe sitzender Maedchen einsprechen. Ich wurde von einem Herrn angesprochen und stellte mich als Oesterreicher vor, als jedoch gleich darauf die schwatzende und kichernde Gruppe hinzutrat, bezeichnete ich Tobi sehr ernsthaft als Russen. Die staunende Frage nach unseren Fahrraedern beantwortete ich zustimmend, dass wir aus Russland mit dem Rad gekommen seien, und die Fragen nach den weiteren Zielen mit Shiraz und Hormos. Auf die Frage, was mir im Iran am besten gefalle, antwortete ich, die schwarzen Augen der Frauen, was bei den Damen grosses Entzuecken ausloeste und viele verschwoererische Blicke. Ich lobte den guten Unterricht des jungen Mannes, dessen Zuhoererinnen wohl seine Schwestern und Cousinen waren, und als ich den hinzugekommenen Valentin als Enkel von Putin vorstellte, bat die gutgelaunte Gesellschaft um ein gemeinsames Foto, wobei die attraktiven Damen sehr konzentriert waren/

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Montag, 24. August 2009

Yazd

Man koennte meinen, diese Stadt waere um irgendetwas echter als die anderen. Die braunen Lehmhaeuser scheinen dem Wuestenland zuzugehoeren, die Boegen ueber den winzigen Gassen der Sonnenhitze. Fuer eine Kulisse kann man es nicht halten, wenn einfache Menschen darin wohnen und hoelzerne oder eiserne Tueren oeffnen.
Und die Freitagsmoschee am Abend: unermesslich in der farbigen Detaillierung, maechtig die Gewoelbe, aber nichts weniger als kollosal: staunen macht dich die Feinheit, und die Unaufgeregtheit des Zusammengehoerigen.

Einen Spiegel des "geordneten Universums goettlichen Ursprungs" nennt Jason Elliot die islamische Kunst, ausgezeichnet durch die "rigorose Ordnung", wie das Metrum in der Dichtung, die Tonart in der Musik, die Proportionen in der Kalligraphie und die Geometrie in der Architektur.

Sprich: Er ist Gott, ein Einziger,
Gott, der Undurchdringliche.
Er hat nicht gezeugt, und Er ist nicht gezeugt worden,
und niemand ist ihm ebenbuertig.

al-Ikhlas - Sure



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Shiraz

Um richtig verstanden zu werden: Bisher haben alle unsere Gespraechsparner auf die Mullahs gechimpft. Natuerlich haben wir nur selektiv Kontakte mit englischsprechenden, international Interessierten. Morteza meinte, die Regimetreuen weren einfach die Profiteure, denen Posten und Auftraege zugeschanzt wuerden. Dagegen erfuhren wir von der Verfolgung der Bahais, die bei Shiraz zu Hause waren. Wenn man kein Moslem ist, kann man Jahrzehnte in der Erdoelraffinerie arbeiten und bekommt gerade drei Monate lang Pension ausgezahlt. Verwandte werden inhaftiert und kommen in der Haft zu Tode. Morteza glaubt an kein Leben nach dem Tod, das Gerede vom Paradies haelt er fuer kindliche Vertroestung. Als vor einigen Wochen seine Mutter, nach langem Leiden infolge eines Schlaganfalls einseitig gelaehmt, gestorben war, haette sich der Geitliche bei der Bestattung in den Sarg gebeugt und die Tote unter Gebetsproklamationen an den Schultern geruettelt. Er hatte die Zeremonie abgebrochen.
Er und die meisten Gespraechspartner finden es eine Zumutung, jemandem die Religion vorzuschreiben. An der Autobusstation ein Gitter, das jeweils nur Maenner oder Frauen zu den Busaufstiegen lasst. Schoene Frauen lassen ihre Augen auch unterm Schleier hervorblitzen. Die Mullahs machen die Religion zu einer Verneinung von Lebenslust und Schoenheit, von freiem Geist und wacher Selbstaendigkeit. Roya Hakakian nennt ihre Flucht "Abschied vom Land des "Nein", der unablaessigen Verweigerung". Ich will auch meine Kirche nicht zu einem Ort des zoegerlichen Mittelmasses verkommen lassen. Uns Christen ist ein klarer, wacher Geist angemessen, mutige Auseinandersetzung mit den neuesten Fragen der Gesellschaft sollte selbstverstaendlich sein, mehr noch: selber die selbstgenuegsamen Zeitgenossen herausfordern, selber die Denkfaulen aufstacheln, und die Zoegerlichen, die sich an ihren Privilegien genuegen, vor uns hertreiben. Man komme mir nicht ahnungslos und hilflos, die wir Nutzniesser und Zuschauer am Elend der Welt sind.

Der Kellner dieses Restaurants unter schattigen Baeumen, in das ich mich jeden Abend fluechte, spricht kaum Englisch, der Fuenfzehnjaehrige im Flugzeug, der uns am Handy Bilder von einer Demonstration mit Toten zeigt, der Taxifahrer, der nach Finnland auswandern will: Sie alle sprechen ohne Scheu von der katastrophalen Mullahpolitik, es ist ein einziger Aufschrei, ein Hilferuf n das Ausland.

"Denk nach! Stell dir vor, jedes Buch sei ein Raetsel. Stell esauf den Kopf, stuelpe sein Inneres nach aussen. Sieh dir jedes kleinste Detail gang genau an und frage: Warum dies? Warum das? Nur dann wirst du etwas Neues entdecken." Diese Worte gibt der grosse Bruder Roya mit ins Leben, und sie wendet sie sogleich deutend auf seine Bilder an.
Und hab ich nicht unsrem iranischen Freund die Bilder de persischen Museums gedeutet, dass ihm Hoeren und Sehen aufging an den manirierten Portraits und Schlachtgemaelden? So ist mir Reisen: Ueber die Darstellung der Archaemenidenkoenige gruebeln, die europaeischen Vorstellungen von Persien ueberpruefen, dem ueberwallenden Leben von Shiraz am letzten Tag vor dem Beginn des Fastenmonats nachspueren, als wir uns in einem Ferienort an der Adria waehnten, und dann die ueberraschende Normalitaet des Fastens selbst, wo du tagsueber keinen Menschen essen oder trinken siehst - weil sie so wie ich hinter einem Vorhang Eis schleckten oder ihr Cola aus der Dose schluerften.

(Zur Strafe hab ich mich im Labyrinth des Basars verirrt und tappte stundenlang durch unbekannte Strassen: Shiraz ist gross....)


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Samstag, 22. August 2009

Altertuemer

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Nun, in Shiraz sind wir an der alten Seite angelangt. Die alten Kultstaetten von Persepolis und Pasergadeh, von Kyros, Darius und Xerxes. Inmitten von staubigen Berghaengen, in Taelern, die heute der universitaeren Vorzeige-Landwirtschaft dienen.
Dass es sich bei den kollosalen Monumenten von Persepolis um einen Tempel oder gar um eine dauerhafte Koenigsresidenz gehandelt habe, wird heute bezweifelt - keine Siedlungen dieser Zeit in der Naehe. Eher scheint die Anlage dem Kultzeremoniell gedient zu haben, bei dem jaehrlich zum Fruehlings-Neujahrsfest Gesandte der unterworfenen Voelker ihre Gaben darbrachten.

Die Gleichfoermigkeit der Darstellungen der Koenige irritiert, und nicht nur mich, auch die gelehrten europaeischen Reisenden der vergangenen Jahrhunderte (Jean Chardin, Lord Curzon, Byron, Ernst Herzfeld) sahen das und schlossen daraus auf eine stilistische Minderwertigkeit der archemenidischen Kunst, die lediglich Formen der Parther, Griechen, Aegypter und Aethiopier uebernimmt. Dabei ist doch gerade heute die Zitation ein besonderes Zeichen von Bildung und Ueberlegenheit, was besonders in den orientalischen Bestaenden der Museen von Berlin, Paris und London zu sehen ist. Jason Elliot empfielt, die Darstellung des Loewen, den einen Stier anfaellt, zu lesen als Kampf zwischen hoeheren und niederen Anteilen der menschlichen Seele. Der Mitraskult lege dies nahe, und ebenso manche sufistische Schulen.

Und ist es nicht dasselbe Motiv, derselbe Vorgang, wenn Mitras den Stier mit dem Dolch toetet, wie in ganz Europa auf den roemischen Mitraeen zu sehen ist? Oder wenn der heilige Georg mit der Lanze den Drachen erlegt? Ich lege jedenfalls ein Bild des mitaeischen Opfersteins bei, der im Klagenfurter Museum zu sehen ist. Der persische Mitraskult verbreitete sich genau zur selben Zeit wie das Christentum im Roemischen Reich.


Mitras1
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ferner

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weichensteller - 16. Aug, 08:32
Hallo Weichensteller!...
aber in der Pension verliert man teilweise das Zeitgefühl,...
SCHLAGLOCH - 14. Aug, 15:13

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